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Literaturcafé/ Gedicht von Erich Fried

 
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Literaturcafé/ Gedicht von Erich Fried
von Dahmani Kheira - Dienstag, 3. April 2018, 18:28
 

Was weh tut

Wenn ich dich verliere 

was tut mir dann weh? 

Nicht der Kopf 

nicht der Körper

nicht die Arme 

nicht die Beine

 

Sie sind müde 

aber die tun nicht weh

oder nicht länger 

als das eine Bein immer weh tut

Das Atmen tut nicht weh

Es ist etwas beengt*

 

aber weniger 

als von einer Erkältung 

Der Rücken tut nicht weh

auch nicht der Magen

Die Nieren tut nicht weh

und auch nicht das Herz

Warum ertrage* ich es dann 

nicht

dich zu verlieren?

 

*beengen:  in den Bewegungsmöglichkeiten des Körpers einschränken

*ertragen:  eine unangenhle oder schwierige Situation hinnehmen

 

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"Wir treffen uns heute, um von einem großen Menschen Abschied zu nehmen. Erich Fried war nicht nur ein großartiger Dichter, sondern auch ein wunderbarer Mensch. Als Einzelkind aufgewachsen war er immer ein fröhlicher und interessierter Junge. Leider hatte er Zeit seines Lebens mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Zuerst musste er diverse Schulwechsel verkraften, später dann den Tod seiner Großmutter im Konzentrationslager Auschwitz. Auch Verhaftungen seiner Eltern und Gründungen einer Wiederstandsgruppe schärften sein politisches Interesse. Diese Ereignisse haben Erich Fried für sein Leben geprägt. Nicht nur, dass er sich ständig mit andersdenkenden Politikern auseinandersetzen musste, er war insgesamt dreimal verheiratet. Es ist wirklich schade, dass Erich Fried niemals wirklich gelernt hat, mit Frauen umzugehen. Immer wieder erlebte ich ihn wie einen kleinen Jungen, der nicht wusste, was mit seinen Gefühlen los war. Ich möchte an dieser Stelle aus seinem Gedicht "Was weh tut" zitieren:


"Der Rücken tut nicht weh, auch nicht der Magen,
die Nieren tun nicht weh, auch nicht das Herz,
Warum ertrage ich es dann nicht, dich zu verlieren?"

Diese Zeilen sagen mehr aus als tausend Worte. Erich Fried ist innerlich immer der kleine Junge geblieben, als der er sich auch in vielen seiner Gedichte präsentiert. Es ist schade, dass einem so wunderbaren Menschen bis zum Schluss das große Glück der Liebe verwehrt blieb." 

Quelle: http://dbbm.fwu.de/semik/unterricht/hh/fried/rede.htm